FALL DES MONATS

 

VERZÖGERTE STEMI-VERSORGUNG

WAS IST PASSIERT?

Ein 68-jähriger Patient, welcher seit 13:30 über brennenden Thoraxschmerz klagt mit Ausstrahlung in den linken Arm. Patient kommt gehend in die EVA - wird dort um ca. 17:30 begutachtet (genaue Angaben fehlen, dort wird ein EKG geschrieben und eine Blutabnahme veranlasst). Im EKG ST-Hebungen in II,III, aVF, ST-Senkungen in I, AVL, V2-V6. Im Labor ein Troponin von >0,6ng/ml (umgerechnet >600ng/L). Patient wird mit der Diagnose "Brustschmerz" gehend in die AST/NFA geschickt. In der NFA wird der Patient erneut triagiert, wird mit einer 3 nach Manchester-Triage bewertet (Dringend, max. 30min), anstatt der üblichen 2. Der Triageschwester liegen dabei die Befunde der EVA auf. In der NFA herrscht zum Triagezeitpunkt sehr großes Aufkommen, der Patient kann auch nicht rechtzeitig im angegebenen Zeitraum begutachtet werden. Die Patientenkurve nehme ich als behandelnde Ärztin um ca. 20:30 in die Hand. Sofortiges Schreiben eines neuerlichen EKGs, Kontaktaufnahme mit Interventionsteam, dort Verschluss p/mRCA, 1x DES. Patient ist im gesamten Aufenthalt in der Notaufnahme und danach kardiorespiratorisch stabil.

WAS WAR DAS ERGEBNIS?

Der Patient wurde hierorts nach angiographischer Akutversorgung im Rahmen eines Hinterwand STEMIs zur  stationären Versorgung übernommen. Hierorts zeigte sich der Patient kardiorespiratorisch stabil und beschwerdefrei. Eine echokardiographische Kontrolle zeigte eine weitgehend normale Linksventrikelfunktion ohne Wandbewegungsstörungen und ohne signifikante Vitien. Patient wurde beschwerdefrei entlassen.

WO SEHEN SIE DIE GRÜNDE FÜR DIESES EREIGNIS?

- akuter Hinterwandinfarkt "eigentlich" schon in der EVA diagnostiziert; am dortigen Ambulanzbrief "Brustschmerz" als Diagnose.
- fehlende Kommunikation/Weiterleitung des Patienten an die ZNA, somit muss der Patient nochmal triagiert werden und wird nicht schnellstmöglichst angeschaut. Ob eine Kommunikation/Bescheidgeben von der EVA an den Schalter/die Pflege erfolgte und dies nicht an die Ärzte weitergegeben wurde, kann ich im Nachhinein nicht beurteilen, da der Fall nicht nachbesprochen wurde und das Aufkommen in der Ambulanz groß war.
- fehlende Ersteinschätzung in der Triage einerseits, weil das Symptom Brustschmerz normalerweise mit 2 triagiert wird (sehr dringend, max. 10min), andererseits, weil schon Befunde eines akuten Herzinfarkts vorliegen, das Troponin ist im Befund der EVA in einer anderen Einheit angegeben, welche den Anschein erhebt, dass das Troponin im normalen Bereich sei.

WAS WAR BESONDERS GUT?

Rasches Weiterleiten. 

WAS WAR BESONDERS UNGÜNSTIG?

Der gesamte restliche Ablauf. 

EIGENER RATSCHLAG (TAKE-HOME-MESSAGE):

- Arbeit in der Triage hinterfragen, sich zwischenzeitlich (auch wenn es noch so stressig ist) die fertig triagierten Kurven zur Hand nehmen, und kurz durchschauen, welche Patienten noch drankommen sollen (leider traurig das machen zu müssen)
- Rückmeldung an die EVA geben (ist aus Zeitgründen ebenfalls nicht erfolgt)

WIE HÄUFIG TRITT EIN SOLCHES EREIGNIS AUF?

Erstmalig

KAM DER PATIENT ZU SCHADEN?

Sicherer Personenschaden: Mittel

WELCHE FAKTOREN TRUGEN ZU DEM EREIGNIS BEI?

• Kommunikation (im Team, mit PatientIn, mit anderen ÄrztInnen, SanitäterInnen, etc.)
• Ausbildung und Training
• Ressourcen (zu wenig Personal, Arbeitsbelastung, etc.)
• Ablauforganisation
• Dokumentation

Weitere Angaben zum Fall

FALL-NR

285881

ALTERSGRUPPE

61 - 70

GESCHLECHT

männlich

BEREICH

Notfallmedizin

KONTEXT

Untersuchung / Diagnosestellung

ORT DES EREIGNISSES

Krankenhaus Ambulanz

VERSORGUNGSART

Notfall

TAG DES EREIGNISSES

Wochentag

WER BERICHTET?

Ärztin / Arzt

BERUFSERFAHRUNG

bis 5 Jahre

KOMMENTARE
 

Der vorliegende Fall zeigt, dass die medizinische Diagnose eines akuten Hinterwandinfarkts bereits früh gestellt worden war, die zeitgerechte Weiterleitung in den geeigneten Behandlungspfad jedoch durch mehrere organisatorische und kommunikative Faktoren verzögert wurde. Daraus lassen sich mehrere Lernpunkte für zukünftige Situationen ableiten.

Klare Übergabeprozesse zwischen Organisationseinheiten
Ein zentraler Aspekt betrifft die strukturierte Übergabe zwischen der Erstversorgungseinheit (EVA) und der Notaufnahme. Liegen bereits eindeutige Befunde eines akuten Koronarsyndroms vor – insbesondere typische EKG-Veränderungen mit ST-Hebungen sowie ein deutlich erhöhtes Troponin – sollte der Patient nicht lediglich mit einer allgemeinen Diagnose wie „Brustschmerz” weitergeleitet werden. Stattdessen ist eine aktive, direkte Übergabe (z. B. telefonische Ankündigung oder persönliche Information des Behandlungsteams nach ISOBAR Schema https://news-papers.eu/?p=11296) sinnvoll. Dadurch kann verhindert werden, dass ein bereits diagnostizierter Notfall erneut den regulären Triageprozess durchläuft und dadurch wertvolle Zeit verloren geht. Dementsprechend wird empfohlen, dass NFA Team und EVA Team diesbezüglich eine gemeinsame konstruktive Fallbesprechung ohne gegenseitige Schuldzuweisungen durchführen.

Eine strukturierte Nachbesprechung des Ereignisses liefert dann möglicherweise zusätzliche Erkenntnisse zu den (nicht) vorhandenen Kommunikationswegen und Entscheidungsprozessen. Solche Fallanalysen sind ein wichtiger Bestandteil einer lernorientierten Sicherheitskultur, da sie ermöglichen, systemische Schwachstellen zu identifizieren und Abläufe anzupassen. In weiterer Folge sollen diese angepassten Abläufe durch Kommunikation und Schulung beider Teams ins Leben gerufen und etabliert werden. Ergebnis dieser Fallbesprechungen sollte eine SOP bei STEMI sein, einer innerklinischer STEMI Pfad sollte erstellt und kommuniziert werden.

Umgang mit hoher Arbeitsbelastung und Priorisierung
Der Fall verdeutlicht auch die Herausforderungen bei hohem Patientenaufkommen. In solchen Situationen kann es hilfreich sein, kurze strukturierte Lageüberblicke (Team Time Out) einzubauen, um mit dem Team kurz Priorisierungen durchzubesprechen. Dies kann helfen, einzelne Patienten mit besonders kritischen Befunden frühzeitig zu identifizieren.

Bedeutung der Triage im Kontext vorhandener Vorbefunde
Die Triage basiert in der Regel auf Symptomen und klinischer Ersteinschätzung. Liegen jedoch bereits diagnostische Befunde mit hoher Dringlichkeit vor (z. B. STEMI-typisches EKG), sollten diese in der Priorisierung entsprechend berücksichtigt werden. Schulungen zur Interpretation kritischer Vorbefunde im Triageprozess mit Handlungsanleitungen können hier unterstützend sein.

Farbliche Darstellung von kritischen Laborwerten
Eine standardisierte Darstellung kritischer Laborparameter oder eine klare Kennzeichnung pathologischer Werte (z. B. farbliche Markierung oder automatisierte Warnhinweise im Befundsystem) kann helfen, die Aufmerksamkeit dorthin zu lenken.

ExpertIn der GÖG
(Stellungnahme GÖG)
Veröffentlichung am 11.03.2026