FALL DES MONATS

 

Erschwerte Traumaanamnese unter Polizeibegleitung

WAS IST PASSIERT?

Psychiatrisch gut bekannter Patient mit rezidivierenden psychotischen Zustandsbildern nach massivem Kokainkonsum. Aggressive Durchbrüche vorbekannt. Der Patient hatte in seiner Wohnung getobt und die Wohnung wurde schließlich von der WEGA geöffnet und der Patient überwältigt. Eine Vorstellung unter UBG 9 an der Psychiatrie war geplant, im Zuge dieses Polizeieinsatzes ist es aber zu Verletzungen beim Patienten gekommen, weswegen zuerst die Unfallchirurgische Ambulanz angefahren wurde. Dort wurde der Patient "untersucht" und eine kleine RQW über der Augenbraue mit Steristrips versorgt. Laut vidiertem Dekurs keine weiteren offensichtlichen Verletzungen, Hämatome oder Schwellungen beim Patienten.

Als der Patient auf der Trage mit Hand- und Fußfesseln fixiert auf der Psychiatrie eintrifft, imponieren eine Schwellung der rechten Gesichtshälfte, eine Schwellung am Hinterkopf rechts sowie eine offene leicht blutende Wunde am Hinterkopf. Der Patient kann nur unter starken Schmerzen gehen und klagt über Schmerzen am linken Thorax. Der Patient gibt nachdem die Polizei die Abteilung verlassen hat an, dass er von der Polizei in seinen Augen unnötig viel Gewalt beim Zugriff erfahren habe, diese auf ihn eingeschlagen habe und auch gegen den Brustkorb getreten wurde. Im Unfallchirurgischen Dekurs ist nur von einem Sturz auf den Kopf im Zuge der Verletzung die Rede.

Eine erneute Unfallchirurgische Vorstellung wurde geplant, war aber aufgrund des psychischen Zustandes des Patienten nicht mehr durchführbar und der Patient wurde kurze Zeit später von der Station in Haft genommen.

WAS WAR DAS ERGEBNIS?

Patient wurde im Gefängnis bei der Haftantrittsuntersuchung von Ärztin gesehen, welche den Patienten aufgrund der Verletzungen erneut auf die Unfallchirurgie zur Begutachtung schickte. Es wurde ein Ct-Schädel sowie ein Röntgen der Rippen durchgeführt und die entsprechende Therapie verordnet.

WO SEHEN SIE DIE GRÜNDE FÜR DIESES EREIGNIS?

Patient war in Polizeibegleitung und an Händen- und Füßen fixiert zur Begutachtung an Unfall nach aggressivem Durchbruch. Es kann möglich sein, dass von der Polizei auf eine schnelle Untersuchung gedrängt wurde um die Transferierung des Patienten an die Psychiatrie zu beschleunigen. Polizisten der WEGA auch maskiert, können so auch auf Personal bedrohlich wirken. Ein grundliegender Traumacheck eines Patienten ist dennoch unerlässlich, vor allem wenn der Patient durch die vermutlichen Verursacher der Verletzungen begleitet wird.

WAS WAR BESONDERS GUT?

Patient an Psychiatrie bekannt, gute und vertrauensvolle Beziehung zum Patienten.

WAS WAR BESONDERS UNGÜNSTIG?

Polizei haben dem Patienten die Verletzungen vermutlich zumindest teilweise zugefügt und begleiten diesen zur Unfallchirurgischen Untersuchung, genaue Erhebung der Verletzungsursache somit erschwert.

EIGENER RATSCHLAG (TAKE-HOME-MESSAGE):

Falls von Patientenzustand möglich, sollte die ärztliche Untersuchung von Patienten, welche in Polizeibegleitung an die Unfallchirurgie kommen, im Beisein des Krankenhaus-eigenen Sicherheitsdienstes erfolgen, um ein vertrauensvolles Gespräch zu ermöglichen.

WIE HÄUFIG TRITT EIN SOLCHES EREIGNIS AUF?

Erstmalig

KAM DER PATIENT ZU SCHADEN?

Möglicher Patientenschaden

WELCHE FAKTOREN TRUGEN ZU DEM EREIGNIS BEI?

•  Kommunikation (im Team, mit PatientIn, mit anderen ÄrztInnen, SanitäterInnen, etc.)
•  Persönliche Faktoren der MitarbeiterInnen (Müdigkeit, Gesundheit, Motivation, etc.)
•  Teamfaktoren (Zusammenarbeit, Vertrauen, Kultur, Führung, etc.)
•  Ressourcen (zu wenig Personal, Arbeitsbelastung, etc.)
•  Ablauforganisation
•  Patientenfaktoren (Sprache, Einschränkungen, med. Zustand, etc.)
•  Kontext der Institution (Organisation des Gesundheitswesens, etc.)

Weitere Angaben zum Fall

FALL-NR

281367

ALTERSGRUPPE

31 - 40

GESCHLECHT

männlich

BEREICH

Unfallchirurgie

KONTEXT

Untersuchung / Diagnosestellung

ORT DES EREIGNISSES

Krankenhaus Ambulanz

VERSORGUNGSART

Routinebetrieb

TAG DES EREIGNISSES

Wochentag

WER BERICHTET?

Ärztin / Arzt

BERUFSERFAHRUNG

bis 5 Jahre

KOMMENTARE
 

Eine Untersuchung eines verletzten, aber aggressiven Patienten birgt besondere Risiken, sowohl, dass Verletzungen „in der Hitze des Gefechts“ übersehen werden, als auch dass Mitarbeiter:innen selbst verletzt werden. Um bei einem aggressiven Patienten keine Verletzungen zu übersehen, braucht es eine strukturierte, sichere und möglichst vollständige Untersuchung, angepasst an die Situation, hier könnten Checklisten nach bewährten Schemata helfen, um nichts zu übersehen:

Sicherheit & Vorbereitung
- Eigenschutz gewährleistet (Abstand, Fluchtweg)
- Untersuchung im Team (Rollen klar verteilt)
- Deeskalation versucht
- Ggf. Fixierung / Sedierung nach Standard & dokumentiert
- Monitoring angeschlossen (RR, Puls, SpO?)

A – Airway
- Patient ansprechbar?
- Atemweg frei
- Blut, Erbrechen, Fremdkörper?
- Hals inspiziert (Strangulationszeichen, Hämatome)

B – Breathing
- Atemfrequenz
- Symmetrische Thoraxbewegung
- Auskultation beidseits
- Thorax inspiziert (Prellmarken, Stich-/Schusswunden)

C – Circulation
- Puls, Blutdruck
- Hautfarbe / Rekapillarisierung
- Aktive Blutungen ausgeschlossen
- Verdeckte Blutungen gesucht:
- Axillen
- Leisten
- Rücken
- Kopfhaut
- Hände / Unterarme (Abwehrverletzungen)

D – Disability
- Bewusstseinslage (GCS)
- Pupillen isokor / lichtreagibel
- Motorik grob beurteilbar
- Hypoglykämie ausgeschlossen
- Intoxikation bedacht

E – Exposure
- Patient (soweit sicher) vollständig entkleidet
- Rücken, Gesäß, Hautfalten inspiziert
- Genitalregion geprüft (falls indiziert)
- Wärmeerhalt

Sekundäre Ganzkörperuntersuchung/Traumacheck (nach Sicherung / Beruhigung)
- Kopf & Gesicht (Platzwunden, Hämatome)
- HWS palpatorisch / immobilisiert
- Thorax palpatorisch
- Abdomen (Druckschmerz, Abwehrspannung)
- Becken stabil?
- Wirbelsäule vollständig inspiziert & palpatorisch

Extremitäten:
- Fehlstellungen
- Druckschmerz
- Durchblutung / Sensibilität / Motorik
- Kleine Wunden aktiv gesucht (Biss-, Stich-, Schnittverletzungen) Diagnostik (niedrige Schwelle)
- BZ
- Labor (BB, CRP, CK, ggf. Tox-Screen)
- EKG

Bildgebung:
- CT-Schädel bei Bewusstseinsstörung
- CT Trauma bei unklarer Situation
- FAST / Sono bei Bauchverdacht

Der Leitfaden
https://www.uke.de/dateien/institute/versorgungsforschung-in-der-dermatologie-und-bei-pflegeberufen-(ivdp)/cvcare/gina/neuer-0rdner/broschu%CC%88re_pra%CC%88vention_notaufnahme_einzelseiten_2023.pdf
kann hier eventuell Tipps geben. Wenn seitens der Psychiatrie ein Vertrauensverhältnis zu dem Patienten bestand, wäre es ev. hilfreich, wenn Mitarbeiter:innen der Psychiatrie bei der unfallchirurgischen Untersuchung dabei sind, bzw. gleich von Beginn an hinzugezogen werden. Auch Mitarbeiter:innen der Anästhesie können eventuell zur Sedierung hinzugezogen werden. Eine Fallbesprechung im Nachgang für diesen Fall ist empfohlen. Diese können dazu dienen, komplexe Vorfälle aufzuarbeiten. Sie dienen nicht dazu, Urteile zu fällen oder Teammitglieder zu kritisieren, sondern es geht um die Bereitschaft, aus Fehlern zu lernen. Sie sollten als Instrument genutzt werden, um gegenseitige Wertschätzung und Dankbarkeit für die Arbeitsleistung auszudrücken, was ansonsten häufig zu kurz kommt. Literatur: Marx, D., Richter, L. & Quernheim, G., (2022). Kommunikation in der Notaufnahme. In: Notfallpflege: Fach- weiterbildung und Praxis, Dietz-Wittstock, M. et al., (Hrsg.), Springer: Berlin, Heidelberg. S. 53–69.

ExpertIn der GÖG
(Stellungnahme GÖG)
Veröffentlichung am 14.01.2026