
FALL DES MONATS
INTRAOPERATIVE RESISTENZ IM BAUCHRAUM GETASTET
WAS IST PASSIERT?
Der muttersprachlich Deutsch sprechende Patient unterzieht sich einer geplanten Routine-OP (Leistenhernie), unter Spinalanaästhesie und leichter Sedierung und wird am nächsten Morgen mit einem Kurzbrief entlassen, in dem "intra- und postoperativ komplikationsloser Verlauf" steht - sonst nichts.
Der abschließende OP/Befundbericht an Hausarzt oder Patient erfolgt NICHT, auch nicht 10 Tage später bei der Nahtentfernung in der Ambulanz.
Knapp 6 Wochen (!) später ruft der Chirurg den Patienten an einem Samstag nachmittags aus dem Dienst an und empfiehlt eine Coloskopie bzw. CT des Abdomens, weil er intraoperativ eine Resistenz im Unterbauch getastet habe. Eine schriftliche Empfehlung erfolgt wieder nicht, statt dessen erhält der Hausarzt einen Abschlussbericht, in dem wieder nur ein komplikationsloser Verlauf attestiert wird. Der Patient erhält auf seine Anfrage hin per email einen Zweizeiler (!) vom Chirurgen, in dem wegen "tastbare(r) Resistenz im Unterbaum (Kotballen? DD: RF?) eine CT mit Kontrastmittel empfohlen wird. Der Hausarzt ordnet die CT mit KM an, die weitere 10 Tage später einen altersgemäßen Organzustand ergibt.
WAS WAR DAS ERGEBNIS?
Der Patient war und ist verunsichert und musste sich einer belastenden ntersuchung unterziehen.
WO SEHEN SIE DIE GRÜNDE FÜR DIESES EREIGNIS?
Aufklärungspflicht und Dokumentationspflicht einhalten, hier ist 2x unvollständig dokumentiert worden und der Patient unvollständig und dann mit einer zeitlichen Verzögerung von fast 6 Wochen informiert worden über eine möglicherweise maligne, fragliche Raumforderung.
WAS WAR BESONDERS GUT?
Der endgültige negative Befund der CT, das relativ rasche CT nach weiteren 10 Tagen, selbst bezahlt (sonst: Wartezeiten... ).
WAS WAR BESONDERS UNGÜNSTIG?
Zeitverzögerung?!
EIGENER RATSCHLAG (TAKE-HOME-MESSAGE):
Mediziner:innen an ihre Pflichten erinnern!
WIE HÄUFIG TRITT EIN SOLCHES EREIGNIS AUF?
unbekannt
KAM DER PATIENT ZU SCHADEN?
Verunsicherung des/der PatientIn
WELCHE FAKTOREN TRUGEN ZU DEM EREIGNIS BEI?
- Kommunikation (im Team, mit PatientIn, mit anderen ÄrztInnen, SanitäterInnen, etc.)
- Dokumentation
Weitere Angaben zum Fall
FALL-NR
ALTERSGRUPPE
GESCHLECHT
BEREICH
KONTEXT
ORT DES EREIGNISSES
VERSORGUNGSART
TAG DES EREIGNISSES
WER BERICHTET?
BERUFSERFAHRUNG
KOMMENTARE
Lösungsvorschlag bzw. Fallanalyse
• Einhalten der gesetzlich geregelten Dokumentationspflicht.
• Diktieren des Operationsberichts sofort nach der Operation und schriftliche Ausfertigung möglichst vor der Entlassung (außer Tageschirurgie).
• Sicherstellung der Ausfolgung zumindest eines "Vorläufigen Patientenbriefs" zum Zeitpunkt der Entlassung (mit oder ohne OP-Bericht).
• OP-Bericht als Anlage zum abschließenden "endgültigen" Patientenbrief.
• Kommunikation Arzt – Patient (behindert durch Arbeitszeitgesetz).
Die Einhaltung des Arbeitszeitgesetzes macht es im Vergleich zu früher für den behandelnden Arzt de facto unmöglich, ein "durchgehendes Krankheitsgeschehen" zu überblicken. Daran lässt sich so nichts ändern, vielmehr muss das Handeln daran angepasst werden.
Die Dokumentation der präoperativen Aufklärung erfolgt so typischerweise nicht durch den Operateur und die Ausfertigung von Entlassungsdokumenten nicht durch Ärzte, die in die jeweilige Behandlung direkt involviert waren.
Dies impliziert die unbedingte Einhaltung der gesetzlichen Vorgaben zur Dokumentation, um die sog. "Schnittstellenprobleme" möglichst gering zu halten.
In der Chirurgie ist der OP-Befund das Schlüsseldokument. Sollte der OP-Befund zum Zeitpunkt der Erstellung des "Vorläufigen Patientbriefs" noch nicht schriftlich vorhanden sein (was durchaus vorkommen kann), dann ist dies zu vermerken (so wie z.B.: "Histologischer Befund noch ausständig") und im abschließenden Patientenbrief nachweislich zu berücksichtigen bzw. je nach Dokumentationssystem als Anlage beizufügen.
Rechtliche Gegebenheiten
Laut den österreichischen Krankenanstaltengesetzen (KAG / KAKuG) der Bundesländer ist das Führen von eigenen Operationsprotokollen bzw. -berichten eine strikt vorgeschriebene gesetzliche Dokumentationspflicht.
Der Operationsbericht ist kein isoliertes Dokument, sondern rechtlich zwingender Teil der Patientendokumentation. Nach gängiger Rechtsprechung muss die Eintragung zeitnah – in der Regel unmittelbar nach Abschluss des Eingriffs bzw. am Ende des Behandlungsabschnitts – erfolgen (Therapiesicherungsfunktion).
z.B.: § 38 Wr. KAG Abs.2: "Bei der Entlassung einer Patientin oder eines Patienten ist neben dem Entlassungsschein unverzüglich ein Patientenbrief (Entlassungsbrief) anzufertigen, ……"
Neue Erkenntnisse
Siehe Literatur zum Thema "Leistenhernie und Koloskopie".
Gefahren- / Wiederholungspotenzial
Das Wiederholungspotential ist hoch, wenn die "Organisation" nicht sicherstellt, dass die OP-Berichterstellung und die Ausfolgung des Patientenbriefs gemäß den gesetzlichen Vorgaben "zeitnah" und "unmittelbar" erfolgen.
Weiterführende Literatur / Ausbildungsempfehlungen
Wenn der Chirurg bei der offenen Leistenbruch-OP (Anmerkung: wurde in Spinalanästhesie durchgeführt, daher sicher nicht laparoskopisch) eine "Resistenz im Unterbaum" (gemeint war wohl: Unterbauch) tastet, dann hat dies Eingang in den OP-Bericht zu finden und die Anordnung einer Folgeuntersuchung (z.B. Ultraschall und Koloskopie, sicher nicht primär CT) zu bewirken.
Weiters ist der Tastbefund mit der Anamnese und dem Status in der Krankgeschichte abzugleichen (Tastbefund bei der Aufnahme? Vermerk hinsichtlich einer rezenten Koloskopie?). Die Anordnung einer Folgeuntersuchung(en) ist entsprechend zu dokumentieren und findet Eingang in den vorläufigen bzw. "endgültigen" Patientenbrief.
Anmerkung: Generationen von Chirurgen sind mit dem "Examenwissen" aufgewachsen, dass wegen des möglichen Vorkommens einer sog. "symptomatischen Hernie", also der klinisch vorrangigen Manifestation einer Hernie und Verschleierung eines darunterliegenden Zökumkarzinoms (rechts) oder Sigmakarzinoms (links) jedenfalls immer eine Kolonoskopie vor der Sanierung des Leistenbruchs zu erfolgen hat.
Dies gilt so nicht mehr: Die Assoziation zwischen Leistenbruch und Kolonkarzinom ist statistisch nicht signifikant: Eine Metaanalyse von vier Vergleichsstudien (1.462 Patienten) fand eine Odds Ratio von 1,26 (95% KI 0,63–2,51; P = 0,51) für Kolonkarzinom bei Hernienpatienten.
Narayanan, S., Kumar, A., Reljic, T. et al. Is inguinal hernia associated with an increased risk of colon cancer? A systematic review and meta-analysis. Int J Colorectal Dis 37, 1209–1214 (2022).
https://doi.org/10.1007/s00384-022-04168-w
Background: The presence of an inguinal hernia has been associated with an increased risk of identifying colon cancer, and therefore colonoscopy is recommended prior to inguinal hernia repair. However, the evidence on the association between the presence of an inguinal hernia and colon cancer is conflicting and uncertain. We performed a systematic review and meta-analysis to synthesize all available evidence on this topic.
Methods: A comprehensive search of PubMed and EMBASE was performed. Any comparative study (case–control or cohort study) comparing the rate of colon cancer detection in patients with and without inguinal hernias who underwent screening colonoscopy or flexible sigmoidoscopy was eligible for inclusion. Data were extracted and pooled under a random effects model.
Results: The initial search identified 692 references, of which 4 comparative studies (1462 patients) met the inclusion criteria. The overall risk of bias in the included studies was low. Pooled results showed a statistically non-significant difference in the incidence of detection of colon cancer, with patients with inguinal hernia having a 1.26 times increased likelihood of colon cancer diagnosis compared with patients without inguinal hernia (odds ratio (OR) 1.26; 95% confidence interval (CI) 0.63–2.51; P = 0.51). Although patients with inguinal hernia were also 1.23 times more likely to be diagnosed with colon polyps compared to patients without inguinal hernia, this difference was statistically non-significant (OR 1.23; 95% CI 0.94–1.60; P = 0.12).
Conclusion: The findings from this first systematic review and meta-analysis show that there is no difference in the incidence of either colon cancer or colon polyps in patients presenting with inguinal hernias compared to those without. Nevertheless, larger prospective studies are needed to further investigate the relationship between the risk of colon cancer or polyps and the presence of inguinal hernia.
Dies ändert nichts daran, dass es bei allen Patienten im entsprechenden Alter sinnvoll ist, hinsichtlich einer Vorsorgekoloskopie nachzufragen.
Dies ändert auch nichts daran, dass einem kritischen Tastbefund, egal ob im Rahmen einer Hernien-OP oder beim Status im Rahmen der Aufnahme, entsprechend nachzugehen ist.
Sonstige Anmerkungen
Die Causa (Anruf nach 6 Wochen) ist wohl ein Einzelfall.
Die Indikation für eine CT war eher nicht begründet. Eine klinische Kontrolluntersuchung oder ein Ultraschall hätten zunächst ausgereicht. Das dahinterliegende Problem der Nicht-Einhaltung der Dokumentationspflicht ist hingegen durchaus kein Einzelfall.
Zu den Zusatzfragen:
• Wie wird üblicherweise mit eventuellen Auffälligkeiten umgegangen?
• Welche Prozesse sind dafür üblicherweise etabliert?
Bei Vorliegen eines unklaren Tastbefundes, egal in welchem Zusammenhang (z.B. Status bei der Anamnese, intraoperativ) ist entsprechend aktiv zu reagieren. Dazu sind die diagnostischen Maßnahmen unter Einsatz der gebotenen medizinischen Mittel entsprechend den Leitlinien einzusetzen.
Die Anordnung des Mitteleinsatzes ist ebenso zu dokumentieren wie die Interpretation des Ergebnisses und das eventuelle weitere Handeln. Es sind sowohl die Diagnose- und Behandlungsalgorithmen als Prozesse als auch die Durchführung der Dokumentation "üblicherweise etabliert". Sie müssen nur eingehalten werden.
Facharzt für Allg. & Viszerale Chirurgie, Allg. beeideter und gerichtlich zertifizierter Sachverständiger
(medizinisch-fachlicher Aspekt)
Veröffentlichung am 05.10.2026