
FALL DES MONATS
PATIENT MIT HERZBESCHWERDEN KEINEM ARZT VORGESTELLT
WAS IST PASSIERT?
Onkologischer Patient hätte am Vormittag einen Termin zur Chemo gehabt. Hat allerdings den Tag verwechselt, dieser wäre erst am Folgetag gewesen. Somit wurde er von der onkologischen Ambulanz wieder nachhause geschickt. In diesem Kontext bat der Patient die Mitarbeiterin der Ambulanz ob sie sein Herz untersuchen könne, da damit etwas nicht stimme. Er habe Beschwerden. Der Patient wurde nicht untersucht und wieder weggeschickt mit der Aussage, dass das nicht so einfach wäre und sehr kompliziert (Anmerkung: er hätte in einen anderen Teil des KH müssen, dort angemeldet und dann weiterverwiesen). Der Patient nahm dies trotz Beschwerden so hin, ging dann am Spätnachmittag zur Hausärztin, da er es trotzdem abgeklärt haben wollte vor der nächsten Chemo am nächsten Tag. Diese schrieb ein EKG, auf welchem sich ein massiver akuter Hinterwandinfarkt zeigte. Daraufhin wurde der Notarzt verständigt und der STEMI der Hinterwand bestätigt.
WAS WAR DAS ERGEBNIS?
Der Patient wurde unter Notarztbegleitung direkt an die nächste Klinik mit Herzkatheterlabor verbracht, wo direkt eine Koronarangiographie erhielt.
WO SEHEN SIE DIE GRÜNDE FÜR DIESES EREIGNIS?
Auch wenn es organisatorisch "schwierig" ist, so muss der Patient in jedem Fall - gerade bei Herzbeschwerden - ernst genommen und abgeklärt werden. Es kann hierbei schon gar nicht sein, dass der Patient nicht zumindest kurz einem Arzt vorgestellt wird, sondern eine Pflegekraft oder eine administrative Hilfskraft den Patienten wegschickt.
WAS WAR BESONDERS GUT?
Die Hausärztin hat für eine adäquate Alarmierung des Notarztteams gesorgt, wodurch der Patient eine adäquate Initialtherapie präklinisch bereits erhalten hat.
WAS WAR BESONDERS UNGÜNSTIG?
Da die Krankenkassen bestimmte Medikamente den Hausärzten nicht bezahlen, kann der HA hier nicht bereits frühzeitig eine adäquate und leitliniengerechte Therapie einleiten.
EIGENER RATSCHLAG (TAKE-HOME-MESSAGE):
Ist gut gelaufen!
WIE HÄUFIG TRITT EIN SOLCHES EREIGNIS AUF?
Wöchentlich
KAM DER PATIENT ZU SCHADEN?
Sicherer Personenschaden: Mittel
WELCHE FAKTOREN TRUGEN ZU DEM EREIGNIS BEI?
• Ausbildung und Training• Persönliche Faktoren der MitarbeiterInnen (Müdigkeit, Gesundheit, Motivation, etc.)
• Teamfaktoren (Zusammenarbeit, Vertrauen, Kultur, Führung, etc.)
• Ressourcen (zu wenig Personal, Arbeitsbelastung, etc.)
• Ablauforganisation
• Kontext der Institution (Organisation des Gesundheitswesens, etc.)
Weitere Angaben zum Fall
FALL-NR
ALTERSGRUPPE
GESCHLECHT
BEREICH
KONTEXT
ORT DES EREIGNISSES
VERSORGUNGSART
TAG DES EREIGNISSES
WER BERICHTET?
BERUFSERFAHRUNG
KOMMENTARE
Lösungsvorschlag bzw. Fallanalyse
Ein Patient mit geplantem Chemotherapie-Termin am Folgetag kommt am Vortag irrtümlich in die Ambulanz und berichtet von Thoraxschmerzen. Die Ärzt*innen vor Ort fühlen sich „nicht zuständig“ und meinen, dass eine innerklinische Weiterleitung des Patienten schwierig sei → Entlassung. Am Nachmittag stellt die Hausärztin mittels EKG ein ST-Hebungs-Myokardinfarkt (STEMI) fest und initiiert unmittelbar die Notfallversorgung mit anschließendem notfallmäßigem Transport zur primären PCI.
Klar ist, dass gemäß den gültigen ACS-Guidelines (ESC 2023) bei Thoraxschmerzen, innerhalb von 10min eine EKG-Diagnostik zu erfolgen hat. Weiters soll eine PCI zur Reperfusion unter 120min (am besten unter 90min) erfolgen, um irreversible Schäden so gering wie möglich zu halten. Sollte ein Erreichen eines PCI-Zentrums innerhalb 120min nicht möglich sein, so soll eine Fibrinolyse erfolgen.
Im geschilderten Fall kam es also zur Versäumnis des Klinikpersonals den Patienten einer weiterführenden Diagnostik mit anschließender Therapieoption zuzuführen.
Die geschilderte Situation zeigt einen klassischen „System-Versorgungsfehler“ – nicht den eines einzelnen Arztes/ einer Ärztin. Thoraxschmerzen müssen konsequent als potenzieller medizinischer Notfall behandelt werden, mit sofortigem Notruf oder direkter Ultraschnell-Triage in ein kompatibles Zentrum, nicht mit ambulanter Abweisung.
Lösungsvorschlag:
• Sofortige Notfallkennzeichnung bei Thoraxschmerzen
- Standardisiertes Protokoll, dass Beschwerden wie Thoraxschmerz, Dyspnoe, Engegefühl, bis Abklärung oben auf Triagelisten geführt werden.
• Routine-EKG bei relevanten Symptomen stets innerhalb 10 Minuten
- Fokus auf präklinische Diagnostik auch in ambulanter Versorgung.
• Empowerment der ambulanten Teams
- Schulungen zur EKG-Interpretation und Erkennung von ACS-Alarmzeichen für Allgemeinärzt: innen und ambulantes Personal.
Weiters wird erwähnt, dass im niedergelassenen System nicht alle STEMI Medikamente für den Kassenarzt / die Kassenärztin bezahlt werden und damit nicht zur Verfügung stehen. Dies sollte insofern adaptiert werden, dass Patient: innen bei Kontakt zu einem Arzt / einer Ärztin und gesicherter STEMI-Diagnose, leitliniengerecht ASS, Heparin (bzw. LMWH) und P2Y12-Inhibitoren (z. B. Ticagrelor/Clopidogrel) so schnell wie möglich erhalten können.
Rechtliche Gegebenheiten
Nach ständiger OGH-Judikatur gilt: Brustschmerz ist ein klassischer Notfallsymptomkomplex, der eine unverzügliche Abklärung erfordert.
• Unterlassene Basisdiagnostik (insbesondere EKG) bei Thoraxschmerz kann als Sorgfaltsverstoß gewertet werden, unabhängig davon:
• ob der Patient „falsch gekommen“ ist
• ob eine andere Abteilung formal zuständig gewesen wäre
Zuständigkeitsfragen entbinden nicht von der Pflicht zur Gefahrenabwehr.
Neue Erkenntnisse
ACS-Leitlinien bei STEMI – Kriterien seit 2023 publiziert und bundesweit umgesetzt.
Gefahren- / Wiederholungspotenzial
Immer wieder kommt es zu Fallberichten, wo ein STEMI erst verzögert diagnostiziert, erkannt und therapiert wird. Eine EKG-Diagnostik sollte an allen medizinisch relevanten Versorgungseinrichtungen, wo sich ein Patient, eine Patientin mit Thoraxschmerzen vorstellen könnte, durchführbar und interpretierbar sein. Auch in einer Onko-Ambulanz.
Weiterführende Literatur / Ausbildungsempfehlungen
2023 Guidelines – Akutes koronares Syndrom
ExpertIn der Berufsrettung Wien
(medizinisch-fachlicher Aspekt, Notfallmedizin)
Veröffentlichung am 19.02.2026
Zum Fachkommentar ist anzumerken, dass der Patient von Mitarbeiter:innen unklarer Profession abgewiesen wurde, der Fallbeschreibung ist zu entnehmen, dass vor Abweisung des Patienten kein Arzt / keine Ärztin hinzugezogen wurde. Eine Schulung aller im Krankenhaus tätigen Mitarbeiter:innen (inklusive administrativem Personal) mit Basic Life Support Inhalten und Warnzeichen „red flags“, die ein sofortiges Hinzuziehen eines Arztes / einer Ärztin nötig machen, ist empfohlen. Darüber müssen Patient:innen ermutigt werden, Ihre Beschwerden klar zu kommunizieren und auf Behandlung / Diagnostik zu bestehen (https://oepgk.at/website2023/wp-content/uploads/2023/11/oepgk-leitfaden-arztgespraech-bfrei.pdf).
Die in unserer Gesellschaft bestehende Machtdynamiken im Gesundheitswesen - der Patient sieht sich selbst als Bittsteller und ist noch dazu am falschen Tag erschienen - spielte ev. in dieser Situation eine Rolle und der Patient selbst kommunizierte eventuell in dieser Dynamik seine Beschwerden nicht klar.
Medical Gaslighting - wie in diesem Fall - passiert in der Regel nicht absichtlich, Mitarbeiter:innen nehmen Patient:innen aufgrund von Missverständnissen und / oder Unkenntnis nicht ernst.
Medical Gaslightning ist jedoch ein relevantes Sicherheitsproblem. Tipps gegen das Phänomen des Medical Gaslighting:
• selbstbewusstes und vorbereitetes Auftreten der Patient*innen akzeptieren & respektieren (Setzen von Grenzen durch Patient*innen sowie Hartnäckigkeit zulassen)
• Patient*innen unterstützen, ein Selbstbewusstsein bzw. eine Selbstwahrnehmung für Körper und Symptome entwickeln (Vertrauensbildung durch Stärkung der Wahrnehmung von Kompetenz und Wärme)
• Patient*innen bitten, die Häufigkeit von Symptomen dokumentieren
• Symptome der Patient*innen nicht herunterspielen oder relativieren (Patient*innen Glauben schenken)
• Patient*innen nicht unterbrechen
• Begleitung und Fürsprache der Patient*innen durch Partner*innen, Familienangehörige oder Freund*innen zulassen
• mit Patient*innen auf Augenhöhe kommunizieren
• sich der eigenen Fehlbarkeit und Wissenslücken sowie des eigenen mangelnden Bewusstseins bewusst sein (Erkennen der Grenzen des Verlassens auf Heuristiken und Stereotypen)
• am Ende der Behandlung alle wichtigen Aussagen zusammenfassen, um zu überprüfen, ob alles richtig verstanden wurde
• Machtdynamik im Ärzt*innen-Patient*innen-Verhältnis berücksichtigen
Aus: https://foamio.org/safety-first-medical-gaslighting/
Literatur: Towards a sociological understanding of medical gaslighting in western health care - Sebring - 2021 - Sociology of Health & Illness - Wiley Online Library
ExpertIn der GÖG
(Stellungnahme GÖG)
Veröffentlichung am 19.02.2026