
FALL DES MONATS
VERZÖGERTE rEAKTION BEI AKUTER ATEMINSUFFIZIENZ
WAS IST PASSIERT?
Das Pflegepersonal wurde hinzugezogen, da Patientin initial mit Hyperglykämie (>400) kam - die Patientin musste zu diesem Zeitpunkt dringend Harn lassen und wurde auf die Leibschüssel transferiert - die Patientin konnte sich jedoch selbstständig auf die Leibschüssel setzen - jedoch Harngewinnung erfolglos und die Leibschüssel wird wieder ausgebaut, daraufhin durch Studentin ein Elomel 1000ml verabreicht worden. Patientin beginnt über Luftnot zu klagen (Pflege wurde gebeten, einen Katheter Ch. 14 zu legen); Spo2 bereits bei 86 mit 4l O2 - daraufhin Sono von Lunge bds. gemacht und Pleuraergüsse bds. festgestellt. BVWK dennoch auf Wunsch der OA gelegt - Spo2 Abfall bei 76 - O2 wurde auf 8l gesteigert. Nach erfolgreicher Anlage des BVWK und OK Positionierung Patientin mit Spo2 abgefallen auf 67 sowie kaltschweißig. Student informierte Oberarzt daraufhin wurde die Patientin vom Pflegepersonal in den Schockraum transferiert (bis dahin wurde noch kein Schockraum ausgelöst, obwohl die dringende Bitte fiel, einen SR auszulösen). Im SR angekommen wurde die Patientin unter starker Atemnot monitorisiert und Oberarzt kam mit Studenten in den SR (bis dato kein SR ausgelöst). Daraufhin entdeckte das Pflegepersonal, dass die Patientin keinen O2 mehr oben hatte. Oberarzt und Student fiel dies ebenso auf - auf lauter/strenger Nachfrage wieso die Patientin keinen O2 mehr trägt, gab es von beiden keine Antwort. Sichtlich fiel der O2 rapide ab: zuerst auf 47, 36, 27. Das Pflegepersonal rannte zur Patientin und verabreichte ihr 15l O2 mit der Sauerstoffmaske - jedoch Herzkreislaufstillstand in Armen der Pflegeperson - Start CPR eigenständig, von ärztlicher Seite wurde erst als die CPR bereits startete gesagt "es wäre gut wenn wir jetzt reanimieren würden": erst ca. drei Minuten später wurde der SR vom MedOffice, die es mitbekamen ausgelöst (Patientin weder DNR/DNI/DNE, nicht vorhin und auch nicht während der CPR).
Ca. 5 min später kam das SR Team und löste die Pflegepersonen ab. Patientin daraufhin einen ROSC sowie Intubation durch Ass. Ärzte - Transfer auf die med. Intensivstation.
WAS WAR DAS ERGEBNIS?
Patientin hatte einen zweifachen ROSC und konnte die Intensivstation nach mehreren Tagen verlassen.
WO SEHEN SIE DIE GRÜNDE FÜR DIESES EREIGNIS?
Auch OA (egal wer/welche Position) sollte in die Teamemercency (SR) sowie in die Notfallschulungen miteinbezogen werden und diese auch freiwillig machen.
Sich bei schwierigen Situationen, Hilfe holen.
WAS WAR BESONDERS UNGÜNSTIG?
Das Oberarzt völlig überfordert war und nicht rechtzeitig gehandelt hat.
EIGENER RATSCHLAG (TAKE-HOME-MESSAGE):
Jeder macht Fehler, jedoch sollte man sich bei unzureichendem Wissen (Notfallmanagement/Akutsituationen/CPR) Hilfe holen und dies auch eingestehen. Niemand ist perfekt - man lernt nie aus.
WIE HÄUFIG TRITT EIN SOLCHES EREIGNIS AUF?
unbekannt
KAM DER PATIENT ZU SCHADEN?
Möglicher Personenschaden: Mittel
WELCHE FAKTOREN TRUGEN ZU DEM EREIGNIS BEI?
• Kommunikation (im Team, mit PatientIn, mit anderen ÄrztInnen, SanitäterInnen, etc.)
• Ablauforganisation
• Patientenfaktoren (Sprache, Einschränkungen, med. Zustand, etc.)
Weitere Angaben zum Fall
FALL-NR
ALTERSGRUPPE
GESCHLECHT
BEREICH
KONTEXT
ORT DES EREIGNISSES
VERSORGUNGSART
TAG DES EREIGNISSES
WER BERICHTET?
BERUFSERFAHRUNG
KOMMENTARE
Lösungsvorschlag bzw. Fallanalyse
Verbindliche Nutzung von strukturierten, priorisierten Untersuchungs- und Behandlungsansätzen von kritischen Patienten (z.B. ABCDE-Schema). Spätestens bei „B“ würde die kritische Situation, ausgelöst durch ein „C“-Problem erkannt und lt. Vorgaben behandelt werden. Die Hyperglykämie würde erst bei der Beurteilung von „D“ erkannt und auch erst dort behandelt. Das Legen eines Harnblasenkatheters gehört mit wohl sehr wenigen Ausnahmen, z.B. dem akuten Harnverhalt, nicht zu den primären Notmaßnahmen. Zum ABCDE-Schema gehört auch das regelmäßige Reevaluieren von kritischen Patienten, und das Setzen von Notfallmaßnahmen auch parallel zur weiteren Evaluierung.
Definition von Schockraum-Aktivierungskriterien: Festlegung von Parametern, bei denen jeder Mitarbeiter einen Schockraum unverzüglich selbstständig auslösen darf (z.B. für diesen Fall bei einem SpO2-Wert < X% in Raumluft bzw. bei einem SpO2-Wert < X% unter O2-Gabe) bzw. zusätzliche Hilfe durch weiteres erfahreneres Fachpersonal anfordern darf.
Einführung von Überwachungsstandards: z.B. standardisiertes Monitoring nach ABCD-Schema und Fortsetzung der kontinuierlichen Überwachung der Vitalparameter bei Verlegung in einen anderen Raum durch Transportmonitore.
Definition von standardisierten Verlegungen: in den Schockraum und in Abteilungen (z.B. Fortführung der Sauerstoffgabe und anderer Therapien etc.).
Einführung von Risikostratifizierungstools: Risikostratifizierungstools wie der NEWS2 (National Early Warning Score 2) können auch in den Notaufnahmen ein frühzeitiges Erkennen und eine zeitgerechte Wiederbeurteilung und Therapie von kritischen Patienten, deren Klinik sich weiter verschlechtern kann, garantieren.
Verantwortlichkeiten klar definieren und Interprofessionalität nutzen: Interprofessionalität geht über multiprofessionelles Nebeneinander hinaus: Sie umfasst gemeinsame Ziele, klar abgestimmte Rollen, geteilte Verantwortung und partizipative Entscheidungen. Evidenz zeigt, dass hochwertige Teamprozesse – v.a. strukturierte Kommunikation, Koordination, Führung und geteilte mentale Modelle – klinische Outcomes verbessern, Fehler reduzieren und die Mitarbeitendenzufriedenheit steigern. Entsprechend ist interprofessionelle Kompetenz (Rollenklarheit, strukturierte Kommunikation, kooperative Entscheidungsfindung, Konfliktfähigkeit) eine Kernkompetenz aller Beteiligten (Plappert Th et al).
Aus der Fallbeschreibung ist z.B. nicht klar, wieso 1.000 ml Elomel und in welcher Zeit verabreicht werden. Hat die Studentin eigenmächtig 1.000 ml Elomel angeordnet? Wollte sie damit den Blutzucker senken? Stattdessen hat sie, in wohl guter Absicht, eine kardiale Dekompensation ausgelöst ohne scheinbar vorab wichtige Vitalparameter (B- und C-Parameter) zu erheben und einzuordnen.
Optimierung der Supervision von Studenten: Der Oberarzt scheint initial nicht im selben Raum zu sein, und ist sich der Periarrest- und, im Schockraum eingetroffen, der Arrestsituation wohl nicht bewußt. Warum wird der Oberarzt nicht früher informiert? Liegt hier eine Hierarchie-Barriere vor? Liegt eine kognitive Überlastung vor? Die Studentin scheint die Situation initial wohl unterbewertet zu haben, und kann in der situativen Überlastung der Bitte der Pflege, einen Schockraum auszulösen, nicht nachkommen. Der Oberarzt, im Schockraum angelangt, scheint ebenfalls die äußerst kritische Situation nicht sofort zu erkennen. Dieses, wenn auch kurzzeitige fehlende Situationsbewußtsein, kann dem verzögerten Hinzugeholtwerden zu einer für ihn wohl nicht so dramatisch geschilderten und/oder wahrgenommenen Situation geschuldet sein. Vielleicht hätte die Strategie „10 Sekunden für 10 Minuten“ an mehreren Zeitpunkten geholfen, alle Beteiligte auf den gleichen Wissensstand zu bringen. Vielleicht hätte damit der sich anbahnende Herzkreislaufstillstand vorausgesehen und durch das interprofessionelle Team verhindert werden können. Das rasche Handeln der Krankenpflege dürfte die Patientin vor schweren Schäden geschützt haben. Der geschilderte Fall hat ein hohes Potential für eine „Second-victim-Situation“. Vereinfacht könnte die Eskalation der Situation auf die Einschätzung und Therapie durch die Studentin reduziert werden. Jeder Mitarbeiter hat gegenüber Auszubildenden eine große Verantwortung. Junge Menschen mit entsprechender Empathie und Respekt auszubilden, beinhaltet auch, sie vor situativen Überforderungen durch entsprechende Vorbereitung vor sekundären Schäden zu schützen. Die Bloßstellung bereits in der medizinischen Ausbildung und darüber hinaus ist ein weit verbreitetes Phänomen (Bynum WE et al.).
Einführung von CRM-Trainings (Crisis Ressource Management und Crew Ressource Management) für ärztliches und nichtärztliches Personal unabhängig vom Berufsalter und Funktion zum Abbau von Hierarchien zwischen den Berufsgruppen.
Interprofessionelle Kompetenz (Rollenklarheit, strukturierte Kommunikation, kooperative Entscheidungsfindung, Konfliktfähigkeit) muss systematisch in Aus , Fort- und Weiterbildung verankert werden, z.B. über gemeinsame Lernformate, Simulationen, Fallkonferenzen und interprofessionelle Visiten. So lassen sich in der Notfallmedizin Zielkonflikte integrieren, Ressourcen effizient nutzen und die patientenzentrierte Versorgung verbessern (Plappert Th et al.).
Debriefing des Falls: interprofessionelle Nachbesprechung des Falles z.B. als M&M-Konferenz zur Erkennung von Schwachpunkten und zum lösungsorientierten Aufarbeiten des Falles bzw. der eigenen Prozesse unter Vermeidung von blame & shame.
Weiterführende Literatur / Ausbildungsempfehlungen
Advanced Life Support (ALS) Kurs des European Resuscitation Council
Immediate Life Support (ILS) Kurs des European Resuscitation Council
Bynum, W. E., Artino, A. R., Uijtdehaage, S., et al. (2019). Medicine's Shame Problem. The Journal of Emergency Medicine, 57(4), 573–576
Müller M, Jürgens J, Redaèlli M et al. (2018) Impact of the communication and patient hand-off tool SBAR on patient safety: a systematic review.
BMJ Open 8:e022202 Plappert, Th., Lösche, H., Dahlmann, P. et al. (2026)
Interprofessionelle Zusammenarbeit in der Notfallmedizin. Notfall Rettungsmed Rall M, Schmid Langewnd, Op Hey. (2025)
Crew Resource Management (CRM) für die Notaufnahme. Strategien zur Fehlervermeidung und Optimierung der Teamarbeit.
2. erweiterte und aktualisierte Auflage. ISBN 978-3-17-043687-9 Reason, J. (2000) Human error: models and management. BMJ, 320(7237), 768–770 Internetzugriff zu Second victim: https://www.secondvictim.at/forschung/online-bibliothek; letzter Zugriff: 28.06.2026
ExpertIn des Krankenhaus Bruneck
(medizinisch-fachlicher Aspekt, Notfallmedizin)
Veröffentlichung am 17.08.2026
Ergänzende Replik
Ergänzend zum bereits vorgeschlagenen NEWS2-Ansatz sollte geprüft werden, ob für vergleichbare Situationen ein Critical-Care-Outreach-Team bzw. ein innerklinisches Rapid-Response-System etabliert oder klar angebunden werden kann. NICE beschreibt solche Teams als Unterstützung bei der frühzeitigen Erkennung, Beurteilung und Behandlung kritisch kranker Patient:innen außerhalb der Intensivstation.
[pmc.ncbi.nlm.nih.gov], [nice.org.uk] NICE Guideline Template
Für die konkrete Ausgestaltung lokaler Eskalationspfade und innerklinischer Alarmierungskriterien bietet das DGINA-Weißbuch zur Versorgung kritisch kranker, nicht-traumatologischer Patient:innen im Schockraum eine hilfreiche Grundlage. Es verweist auf die Notwendigkeit definierter Strukturen, klarer Prozesse, abgestimmter Übergaben und interprofessioneller Teamkommunikation für diese Patient:innengruppe.
https://www.springermedizin.de/notfallmedizin/kurzversion-versorgung-kritisch-kranker-nicht-traumatologischer-/20263442 https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC8590263/
Praktischer Hinweis für die Einrichtung:
Es sollten in Bezug auf NEWS 2 und dem DGINA Weißbuch lokale Kriterien festgelegt werden, wann Pflege, ärztlicher Dienst oder andere Berufsgruppen ein Outreach-Team, Rapid-Response-Team oder den internistischen Schockraum unmittelbar aktivieren dürfen. Dies kann helfen, Eskalation nicht von Hierarchie, Einzelentscheidung oder Verfügbarkeit einzelner Personen abhängig zu machen.
Als Vorlage kann auch diese Datei Schockraumkriterien dienen.
Ergänzender Hinweis zu Second Victims
Da der Fall ausdrücklich ein hohes Potenzial für eine Second-Victim-Situation aufweist, sollte den beteiligten Mitarbeitenden aktiv Unterstützung angeboten werden. Belastende Ereignisse, unerwartete Reanimationen, wahrgenommene Handlungsunsicherheit oder nachträgliche Vorwürfe können auch bei professionell erfahrenen Personen zu erheblicher psychischer Belastung führen. Wichtig ist daher ein niederschwelliger, vertraulicher und nicht sanktionierender Zugang zu Hilfe.
Als externe, arbeitgeberunabhängige Anlaufstelle kann auf Second Victim Österreich hingewiesen werden. Der Verein bietet kostenfreie, vertrauliche und auf Wunsch anonyme Erstberatung für Menschen im Gesundheits- und Sozialwesen nach belastenden Ereignissen an. Kontakt ist telefonisch oder per E-Mail möglich: +43 720 70 43 44, mmmYmVyYXR1bmdAc2Vjb25kdmljdGltLmF0, Beratungszeiten laut Website: Montag 9–11 Uhr und Donnerstag 17–19 Uhr.
Link: www.secondvictim.at
ExpertIn der GÖG
(Stellungnahme GÖG)
Veröffentlichung am 17.08.2026